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Traurige Trümmer
Vorbemerkung: Dieser Text wurde anlässlich einer Lesung
am 19.6.2004 in der Bergedorfer Mühle gemeinsam von
Oskar, Arne Poeck, Anja Ostrowski, Ruth Gröger und
Volker Pripnow geschrieben.
Wir wandern durch traurige Trümmer; den Berg hinan, wo alles begann. Steine hauchen den Knoten ihrer
Geschichte aus, im letzten Sonnenschein flimmert die Ahnung von Liebe, Schmerz, Glück und Verstand.
Schritt für Schritt entwirren sich Stricke, die zwischen den Steinen der Ruine spannen.
Wir sehen Risse, wir sehen Gras; wir sehen Löcher, Licht und Schatten. Wir hören den Wind, wir hören Stimmen,
Keuchen, Klagen und Weinen. Um uns formen sich Figuren und Fabeln; Knoten für Knoten entwirren sich
verwunschene Zeiten, Menschen, Taten, Geschichten.
Schritte kommen auf uns zu. Stimmen. Stille. Schritte, Stille; Stille, Stimmen, Schritte.
Wir verstehen nicht, was sie sagen, diese Stimmen, dann verstummen sie wieder - trotzdem verstehen
wir sie nun: Stille - das Ausdrücken des Ungesagten, Unsagbaren, Unsäglichen, Sagenhaften.
Die Aussage der nun stummen Stimmen: "Es hat sich ausgesagt".
Aber stimmt dies wirklich?
"Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte", sagt man. Bilder artikulieren sich, sprechen eine stumme
Sprache aus Farben, Licht und Schatten, sprechen zu uns mit einer ungehörten Stimme Ungehörtes,
Unerhörtes, manchmal Ungehöriges, aber niemals für zwei von uns das Gleiche.
Und wir verstehen: Unsere Aufgabe ist es, das innere Ohr zu schärfen, Unhörbares in Hörbares zu wandeln.
Und Unerhörtes auszusprechen, auch wenn alle versuchen, wegzuhören, auch die zwei, die nie das gleiche
verstehen und verstehen sich doch gut in ihrer Uneinigkeit, für immer vereinigt und doch nicht beieinander.
Miteinander auseinander setzen, zusammenkommen um auseinander zu gehen. Nähe aufbauen, um Distanz zu üben,
hoch, um wieder runter, rein, um wieder raus ...
Es hat sich ausgesagt, ich habe raus! gesagt ... und ich geh raus, um mich vom Goldstaub voll-mondig
küssen zu lassen!
Raus- draußen kriecht Dunkelheit an mir herauf. Mein Blick reist zum Mond, dem Licht der Nacht.
Ich trinke seine Strahlen, koste seine Worte. Die Ahnung von einem noch größerem Licht überkommt mich.
Der Gedanke an einen Tag gewinnt an Stärke.
Raus- draußen in der Nacht kriechen Schatten um mich herum, Schatten vom letzten Funken Licht, vom
letzten Mondstrahl hervorgezaubert. Schatten wandern. Auch ich werfe Schatten auf dem Weg nach Haus.
Es ist noch weit, die Nacht noch nicht vorbei. Müdigkeit überfällt mich, ich habe Sehnsucht nach einem
Ort der Ruhe, einem Ort, an dem man mich nicht entdeckt. Mir bleibt nur die Flucht in den Schatten,
in das Dunkel, in nebulöse Angst. Angst steigert sich bis ins Bodenlose. Ohne Kraft bleibe ich stehen,
sehe hin, sehe den Schatten ins Gesicht. Sie verlieren an Dunkelheit. Still werde ich, lausche in die
Dunkelheit hinein. Jetzt erst höre ich Stimmen, Stimmen der Schatten. Sie verraten mir ihr Geheimnis,
sie verraten mir, woher sie kommen.
Wir sind die Stimmen aus deiner Dunkelheit, aus deinen Schatten.
Lange hast du uns nicht wahrgenommen, nicht hören wollen. Hast dich in das Licht des Tages geflüchtet,
nur, um uns zu entgehen. Hast unsere Stille mit Angst überdeckt, dich in eine Traumwelt geflüchtet.
Erst jetzt, wo du deine Angst eingestehst, deine Dunkelheit akzeptierst, erst jetzt verlieren sie ihre
Schrecken. Aus den Trümmern deiner Fluchten und Verdrängungen baue dir ein Fundament, setze einen Stein
neben den anderen.
Mühsam ist es schon, aber es lohnt sich. Auf diesem Fundament kannst du neue Träume bauen,
Träume wahr werden lassen, nach dem Mond, den Sternen greifen. Baue dir ein Reich, das nur dir gehört,
das so einmalig ist, wie du bist. Wenn du dich uns stellst, werden wir verstummen.
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